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11. Oktober: Internationaler Coming Out Day

COMING OUT – ein lebenslanger Prozess

Du bist nicht allein! Die meisten Menschen können sich sehr gut an ihre ersten sexuellen Erfahrungen und Gehversuche erinnern. Bis ins hohe Alter schwärmen Menschen von den aufregenden und schönen ersten sexuellen Kontakten, dem ersten Kuss, dem „ersten Mal“, dem ersten Gefühl des Verliebtseins während ihrer Pubertät. Jener Zeit, in der die Menschen ihre Sexualität zum ersten Mal bewusst spüren und ein Gefühl dafür entwickeln, wie wichtig der Austausch von körperlicher Zuneigung und Zärtlichkeiten für uns Menschen ist.

Viele Menschen leiden jedoch darunter, dass sie ihre sexuellen Wünsche, Vorlieben und Sehnsüchten nicht aussprechen, geschweige denn leben können. Vor allem gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen stehen unter einem hohen (psychischen) Druck. Trotz einer immer toleranter werdenden Gesellschaft, wird gleichgeschlechtliche Liebe nach wie vor nicht als gleichberechtigt, als Selbstverständlichkeit akzeptiert.

Heterosexuell empfindende Menschen müssen sich in der Regel nicht vor/bei ihren Mitmenschen, ihren ArbeitskollegInnen, im FreundInnenkreis als „heterosexuell“ outen, zu ihrer sexuellen Orientierung oder Identität Rede und Antwort stehen, da viele Menschen Heterosexualität als gegeben („normal“, „gottgewollt“, „natürlich“) voraussetzen. Für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen ist es daher umso schwerer, in ihrem Bekannten- und FreundInnenkreis, ihrem sozialen Umfeld über ihre Sexualität, ihre Empfindungen und Gefühle zu sprechen.

Viele gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen nehmen zum ersten Mal während ihrer Pubertät bewusst wahr, dass sie „anders“ sind. Das ist der Beginn eines Prozesses, den die meisten Menschen unter der Bezeichnung „Coming out“ kennen. Für viele gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen ist der Prozess des Coming-Outs eine wichtige Entwicklung in ihrem Leben. Den Mut zu finden, mit seinen nächsten Mitmenschen, Freundinnen und Freunden offen darüber zu sprechen, wie man sich selbst definiert, welche Vorlieben man hat und welchen Lebensstil man bevorzugt, ist kein einfaches Unterfangen. Schon ältere, als „erwachsen“ geltende Menschen haben damit ein Problem, offen über ihre Gefühle und Empfindungen zu sprechen; es ist daher verständlich, wenn junge, insbesondere gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen Schwierigkeiten haben, ein gesundes Verständnis für ihre eigene Sexualität und Identität zu entwickeln, ein entsprechendes Verhältnis zu sich, ihrem Körper, ihren Gefühlen und ihren Sehnsüchten aufzubauen.

Viele gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen, insbesondere Jugendliche fühlen (oder fühlten) sich mit diesen schwierigen Entwicklungen in ihrer Pubertät allein gelassen. Sie sind damit überfordert, ihre eigene Identität zu finden und sich selbst zu definieren. „Sich gleichgeschlechtlich entwickelnde Kinder merken bereits sehr früh, dass sie anders sind als die Anderen. Das beschäftigt sie sehr stark. Wenn dann auch noch von außen ständig Signale kommen, dass ihr Verhalten falsch ist, entsteht beim Kind das permanente Gefühl, Erwartungen nicht erfüllen zu können. Mehr und mehr entwickeln sie ein Gefühl der Heimatlosigkeit und der Entfremdung von der eigenen Familie, da sie sich in ihrem Fühlen und Verhalten nicht zuordnen können und sich zunehmend als Außenseiter fühlen.“, erzählt Mag. Johannes Wahala, Leiter der Beratungsstelle .

Aus Angst verletzt zu werden, Freundinnen und Freunde zu verlieren oder Ablehnung von geliebten Menschen zu erfahren, wenn diese von der eigenen sexuellen Orientierung oder Identität wissen, verschweigen viele Menschen ihre Gefühle gegenüber ihrem FreundInnenkreis, ihren Eltern und ihrem sozialen Umfeld. Einige entwickeln aus Angst, nicht als „normal“ zu gelten, eine Abneigung gegen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen. Das kann sogar so weit gehen, dass derart verunsicherte Menschen Gewalt gegen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen ausüben, selbst diskriminierend ihrer eigenen Sexualität und Identität gegenüber stehen. Für die gesunde Entwicklung eines Menschen ist es jedoch wichtig, sich der eigenen Gefühle und Empfindungen bewusst zu sein, die eigene Sexualität und Identität sowie diesbezügliche Neigungen, Vorstellungen, Sehnsüchte zu akzeptieren (und nicht bloss zu tolerieren).

Eine österreichische Studie zum Selbstmordrisiko im Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung kam zum Schluss, dass das Selbstmordrisiko bei gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen etwa siebenmal so hoch ist wie bei Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von einem gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen begangen. Hauptursache dafür ist die mangelnde soziale Unterstützung, vor allem durch die eigenen Eltern und das engste soziale Umfeld. Über 90 Prozent aller Selbstmordversuche von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen geschehen im Alter zwischen 15 und 27 Jahren, also während des oft als sehr schmerzhaft erlebten Coming-out-Prozesses.

In einer Gesellschaft, in der zwar Nacktheit und Pornographie im Überfluss vorhanden ist, aber Sexualität nach wie vor eines der größten Tabuthemen darstellt, sind eben auch Eltern, Angehörige und der FreundInnenkreis mit solchen Prozessen der identitätsstiftenden Selbstfindung überfordert, können nicht damit umgehen, wenn ihre Kinder, ihre Angehörgien, ihre Freundinnen und Freunde nicht der gesellschaftlich geprägten Norm entsprechen und darunter leiden, dass sie sich „anders“ fühlen. Und sind sprachlos, verharren in Schweigsamkeit, weil auch sie nicht anzusprechen gelernt haben, was gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen in solchen schwierigen Situationen bedürfen. „Kinder und Jugendliche haben oft Angst, von ihren Eltern abgelehnt oder verstoßen zu werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern sagen, dass sie immer zu ihnen stehen werden und sie ihr Sohn bzw. ihre Tochter bleiben.“, rät Mag. Wahala.

Die -Beratungsstellen in Wien, Graz und Innsbruck setzen hier an und bieten sowohl Unterstützung für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen und Transgender-Personen als auch für deren Eltern, Angehörige, Lehrerinnen und Lehrer, Freundinnen und Freunde, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Jeder Mensch, der sich eingesteht, professionelle Unterstützung in diesem Lebensbereich zu brauchen, wird vom multiprofessionellen Team willkommen geheißen. Die unterstützt und begleitet kostenlos Menschen, die sich ihres „Anderssein“ bewusst sind. Sie bietet konkrete Hilfe für all jene, die sich über ihre Sexualität, ihre sexuelle Orientierung und Identität im Unklaren sind, an sich und ihrer „gesellschaftlichen Normalität“ zweifeln. Die Beraterinnen und Berater der begleiten Menschen auf deren Weg des Coming-out-Prozesses, bei deren Entwicklung eines gesunden Verhältnisses zur eigenen Person, der eigenen Sexualität und Identität. Das ermöglicht den Menschen, sich angstfrei zu entwickeln und sich verstanden, nicht mehr alleine zu fühlen.


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